Reasons Edge

3:45 bis 7:35 Uhr. Traumfetzen

Der Zug nach Rom fuhr ruckelnd durch die Sommerlandschaft und ich beschwerte mich sanft beim Schaffner: “Das ist kein Traum, sondern eine Erinnerung.” Er zuckte nur mit den Schultern. Konnte da auch nichts machen, der Mann, der in diesem Traum aus irgendwelchen Gründen eine schicke Militäruniform trug, in zartbleu.

Was sollte er auch tun? Wie die anderen im Abteil war ich erwacht, obwohl ich nicht hatte schlafen wollen, hatte Kopfschmerzen, und mein Geld fehlte. Auch das im Brustbeutel, der oberste Blusenknopf lag in meiner Hand, als hätte ich ihn selbst dort hingetan. Die Dame im Nebenabteil vermisste ihre Schmuckschatulle und zeterte lang und anhaltend.

Schräg gegenüber saß ein römischer Soldat und stellte sich schlafend. Sein Penis lag halb lauernd zusammengerollt auf dem Ansatz seines Oberschenkels, durch ein kleines und mir in meiner jugendlichen Naivität unerklärliches Loch in der Stoffhose gerutscht. Mein Geliebter lachte mich später aus, als ich ihn fragte, ob “Mann” das denn wirklich nicht spüre, wenn so ein zarthäutiges Gebilde an der frischen Luft ...

Das Prinzip der Exhibitionisten war mir damals so fremd. Wenn der Mann überraschend in einem Trenchcoat aufgetaucht wäre wie in einem billigen Sketch, ja dann. Aber so? So war ich verlegen und abgelenkt und froh, als wir endlich in Roma einfuhren.

Die Sekretärin meines Vaters meinte zu mir: “Das ist kein Traum, sondern eine Erinnerung!”, als ich sie telefonisch darum bat, mir Geld zu telegrafieren. Das war mir egal, sagte ich. Sie sollte es nur auch diesmal meinem Vater bitte erst sagen, nachdem sie das Geld geschickt hatte. Denn nichts auf diesem Planeten würde mich davon abhalten können, nach Napoli zu fahren.

In einem schwarzweiß entfärbten Zeitraffer erstattete ich Anzeige und holte mir ein paar Lire auf der deutschen Botschaft ab. Auch ein Rückfahrticket hätte ich bekommen können, aber ausgerechnet das hatte ich leider noch. Vielleicht war es doch ein Traum.

Dann traf ich ihn am Ausgang der Botschaft, den lockigen Studenten, nach dessen Namen ich gar nicht erst fragte. Wir kauften von seinem Geld Pizza und von meinem Wasser und liefen den ganzen Tag lang Hand in Hand durch Rom. Saßen auf Stufen und lachten Treppen auf und ab. Wer nichts mehr hat, kann nichts verlieren und niemand vorher oder nachher hat jemals einen so schönen und unbeschwerten Tag im Schatten des Vatikans erlebt.

Bis das telegrafierte Geld eintraf, diesmal pünktlich mit dem Sonnenuntergang, fuhren wir schwarz mit dem Bus, lachten und sangen und erzählten und bekamen Trauben geschenkt. Dann verabschiedeten wir uns und auch er hat nie gefragt, wie ich heiße. Ich musste dann auch los, bevor es zu spät dafür war.

Im Traum fuhr ich durch einen Tunnel, der nicht enden wollte und am Ende fiel und fiel ich, hatte mich von Eisenbahnabteil gelöst und stürzte im freien Fall abwärts in die Schwärze.

In der Erinnerung regnete es sanft und warm, als ich alleine in Napoli ankam und ein grünäugiger Fürst der Finsternis sang “Strangers in the Night” für mich hoch oben auf den Resten einer alten Eisenbahnbrücke unter einem gelbgrauen Regenmond.

Doch das war sicher auch nur ein Traum.

Montag, 22. März 2004 • Link

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