Ich habe das nicht geträumt.
Beinahe hätte ich gestern Nacht zweieinhalb Kilo Halbedelsteinsplitter bestellt. Verdammtes Ebay. Ich sage nicht, wofür. Und ich sage auch nicht, dass ich es nicht doch noch tun werde, aber immerhin konnte ich mir den Spontanklick verkneifen. Gerne würde ich so tun, als ob ich einfach harmlos ein bisschen herumbasteln will, aber das würde mir sowieso niemand glauben, der miterlebt hat, wie die Filmplakate-Wand im Wohnzimmer entstand oder der galoppierende Hengst in Lebensgröße an jener Wand, die ich erst mit einem Hammer von ihrem davor stehenden Schrank befreite, weil ich die Fläche brauchte. Mich hat neulich das Mädchen gefunden, auf die ich vor 22 Jahren als Babysitter aufgepasst habe und das erste, was sie schrieb: “Wir haben die Salzteigfiguren noch!” Au backe. Das waren nicht nur Salzteigfiguren. Das war die Geschichte von Babel erzählt in vierhundert gewundenen, gedrehten, gefärbten und später noch lackierten Teiggestalten, das waren Schäfer und Schafe und Türme und Häuser und spielende Kinder, Liebende und Kämpfende und ganze Landschaften. “Salzteigfiguren” klingt eindeutig zu verharmlosend und ehrlich gesagt möchte ich auch gar nicht mehr daran denken, denn ich bin mir sehr sicher, sie waren/sind so beeindruckend und zahlreich wie geschmacklos. Danach stopften sie mich in einen Töpferkurs und ich fürchte, die Lehrerin war danach nie wieder derselbe Mensch. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ich würde so gerne einfach erschaffen, was mir durch den Kopf geistert, es ist so lange her, dass meine Hände solche Freiheiten hatten. Sofort anfangen könnte ich, tagelang alles vergessen, es wäre ja nicht das erste Mal. Meine Bewunderung für Menschen, die für ihre Kreativität alles stehen und liegen lassen, um ein ungelesenes Buch zu schreiben oder ein seltsames Kunstwerk zu schaffen, ist aber ungefähr so groß wie meine Verachtung für das Vernachlässigen sämtlicher finanziellen Aspekte und Verantwortungen, insbesondere Altersvorsorge. Hält sich sauber die Waage, würde ich sagen. Manchmal schlägt sie ein wenig aus, aber grundsätzlich hilft mir das schönste kreative Erleben nichts, wenn der Rest nicht stimmt. Keine Flucht in die Kreativität (heute), die Deadlines dröhnen am Horizont.
Montag, 24. Mai 2004 • Link
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